Gernot Henn, Kapuzinerweg 6, 82069 Schäftlarn

 

Reisebericht,

Tour d`horizon Senegal/Gambia

 

Janjangbureh, den 16.01.2018

Es ist Dienstag und der 6. Tag unserer Reise. Nach einer wunderschönen Fluss-Schifffahrt auf einer rustikalen Holzpiroge, hatten wir am Abend zuvor die gambische Stadt Georgetown (in der Sprache der Einheimischen: Janjang Bureh) erreicht. Unsere Unterkunft für die nächsten 3 Tage war das Baobolong Camp in der Nähe der Fähre zum Nordufer.
Die Zimmer sind sauber und es gibt fließendes Wasser im Bad. Mein schweizer Zimmerkollege und ich sind happy. Wie bereits zuvor ist auch in Janjang Bureh die Herberge nicht in der Lage die 40-köpfige Gruppe aufzunehmen, so dass einige im Haus des Gouverneurs und eine weitere Gruppe in den Unterkünften einer regionalen Bildungsstätte untergebracht werden.
Janjang Bureh mit etwa 4000-5000 Einwohnern macht auf mich einen etwas verschlafenen Eindruck. Keine der Straßen im sogen. Zentrum ist richtig asphaltiert, die Gebäude sind in der Regel einstöckig und unterscheiden sich kaum von denen in den umliegenden dörflichen Siedlungen. Der Ort liegt auf der mitten im Fluss gelegenen McCarthy Insel und war lange Zeit neben dem ca. 300 km flussabwärts gelegenen Banjul (Hauptstadt Gambias) die zweitwichtigste Stadt.
Heute finden die großen Feierlichkeiten des Kankurang Festivals statt, zu denen wir am Nachmittag eingeladen sind. Der Hauptprogrammpunkt für den Tag.
Zuvor stehen ein Ortsrundgang mit Besuch des historischen Sklavenhauses und des am Ortsrand gelegenen Heimatmuseums auf dem Programm.
Doch bevor wir unsere Unterkunft an dem Morgen verlassen, findet noch eine große Geldumtausch Aktion im Innenhof an einem eigens dafür aufgestellten Tisch statt. Wir tauschen senegalesische CFA gegen gambische Dalasi. Der Geldwechsler, ein Ortsansässiger, kommt mit einem alten zerfledderten Kunststoff-Einkaufsbeutel prall gefüllt mit Geldscheinen. Er setzt sich an den Tisch, nimmt den Beutel zwischen die Oberschenkel und wir stellen uns in gewohnter Manier in einer Schlange auf, um einige große CFA Scheine gegen ein riesiges Bündel Dalasi Scheine zu tauschen. Danach sitzen alle am großen Tisch, sortieren und zählen hochkonzentriert die vielen unbekannten und teilweise bis zur Unkenntlichkeit zerfledderten Geldscheine. Ein geniales Fotomotiv. Ich vertraue, im Glauben an das Gute, unserem Wechselbeamten und schiebe das dicke Bündel in mein Reiseportmonee.
Der lokale Führer holt uns ab zum Dorfrundgang. Ich bin begeistert, denn zum ersten mal auf der Reise kann ich die Landessprache verstehen. In Gambia wird englisch gesprochen (die Amtssprache). Ein gewaltiger Unterschied zum Reisen in Senegal, wo ich immer auf die Übersetzung aus dem französischen angewiesen war. Endlich kann ich die Hinweisschilder lesen und mit den Menschen in den Orten kommunizieren. Es ist eine große Bereicherung, wenn man in der Lage ist, mit den Einheimischen in einem besuchten Land zu kommunizieren, insbes. mit den Kindern.
Das Sklavenhaus ist ein desolater Ziegelbau, dem Verfall preisgegeben und unser Führer berichtet, dass im Keller dieses Gebäudes die Sklaven eingesperrt waren, bevor sie auf Schiffen flussabwärts nach Banjul transportiert wurden, um von dort weiter nach Europa und Amerika verkauft zu werden. Größere Sammellager waren auf umliegenden Flussinseln eingerichtet, die eine Flucht der Gefangenen einfacher zu vereiteln vermochten. Wir erhalten detaillierte Informationen über die Zeit des Sklavenhandels und dem unwürdigen Umgang mit diesen Menschen. Es gibt keine zuverlässigen Erhebungen über die Anzahl der von hier deportierten Sklaven.
Beim Durchqueren des Ortes über die sandigen und bei jedem Fußtritt Staub aufwirbelnden Straßen, sehen wir selbst hier bereits vereinzelte Relikte der modernen Zivilisation in Form von Satelitenschüsseln, die teils neben offenen Ziegenställen, teils an strohgedeckten Lehmhütten unfachmännisch angebracht sind.

Das Museum am Ortsrand beschäftigt sich mit der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung (Mandinka, Fula, Wollof und Mansuanka) und deren Rituale und Traditionen. Hier wird uns auch der Begriff KANKURANG erklärt, dem das anstehende Festival gewidmet ist.
Es handelt sich um einen Maskentanz als Teil eines Initiationsrituals in der westafrikanischen Region Senegambia. (Unter Initiation versteht man in diesem Zusammenhang die Beschneidung und anschließende Aufnahme der Knaben in die Gesellschaft der Männer. Die Beschneidung von Mädchen ist offiziell verboten in Gambia und auch im Senegal)
Nach dem offiziellen Festprogramm war die Eröffnungszeremonie für 16h30 (also bei Tageslicht) geplant, doch aus sicherlich wichtigen Gründen verzögert sich die Eröffnung bis zum Anbruch der Dunkelheit. Wir als privilegierte Ehrengäste können die Wartezeit unter einem schattigen Vordach verbringen. Dann beginnt allmählich das Festival. Tänzer und Musiker erscheinen auf dem Platz.

Es gibt verschiedene Masken. So ist z.B. ein Tänzer komplett in ein Kleid von Mahagoniästen und Blättern gekleidet. Ein anderer ist ganzkörper-bedeckt mit der geschredderten Rinde des „Camel Foot Tree“. Ein weiterer trägt ein Muschelkleid und einen präparierten Ziegenkopf. Die Tänzer sehen angsteinflößend aus und treten zunächst einzeln, später auch paarweise mit rhythmischen, extatischen Tanzbewegungen auf. Sie werden jeweils von einer lautstarken Gruppe von Trommlern mit Trillerpfeifen begleitet. Dadurch, dass sich das Ganze jetzt in der Dunkelheit abspielt, und die aufgestellten Scheinwerfer lange Schatten der Tanzenden über den staubenden Boden werfen, erhält das Ganze einen verstärkt mystischen Ausdruck.
Die Gesichter der Tänzer sind nicht zu erkennen hinter der Maskerade. Es wurde uns berichtet, dass die Identität der Tänzer ein Geheimnis ist und jedem, der versuchen sollte dieses Geheimnis aufzudecken, Schreckliches widerfahren werde.
Selbstverständlich gibt es auf der Ehrentribüne eine große Anzahl von hochrangigen Gästen, die festlich gekleidet auch alle im Anschluss an die Eröffnungsrede des Gouverneurs der Central River Region ihre Ansprachen halten.
Dazu gibt es ein Mikrofon und eine Lautsprecheranlage, die von einem jungen „Techniker“ betreut wird, im klassischen DJ-Outfit mit verkehrt sitzender Baseball Cap und Hosenbund auf Halbmast.
Unter anderem sind folgende Gäste unter den Redner*innen.
- Der Vorsitzende des Organisationskomitees, Die Frauenbeauftragte der Region, Der Vorsitzende des Ältestenrates, Ein Repräsentant der Landesjugend, Die Repräsentantin von Gambischen Jugend Entwicklungs Projekten, Der Vertreter des nationalen Zentrums für Kunst und Kultur, Die Vertreterin des zentralen Tourismus Verbands …. und nicht zuletzt Manfred, unser Präsident des NFI.
Alle Rednerinnen und Redner hatten sich offensichtlich gut vorbereitet und wie es ihrer Mimik und Gestik bei ihren Reden im grellen Scheinwerferlicht abzulesen ist, haben alle auch etwas wichtiges zu sagen mit Inhalten, Botschaften und Appellen.
Das absolut Tragische an diesem festlichen Akt jedoch ist, dass aufgrund der miserablen Justierung von Mikrofon- und Lautsprecheranlage, weder wir Gäste auf der Ehrentribüne, noch die festlich gekleideten einheimischen und von weither angereisten mehrere hundert Besucher, auch nur ansatzweise etwas des Gesagten verstehen können.
So verhallen diese vielen gut gemeinten und vermutlich wichtigen Inhalte zwischen rituellen Tänzen und den mystischen Klängen der Trommeln und Trillerpfeifen. Nach Beendigung der Zeremonie habe ich den Eindruck, dass alle Zuschauer dennoch zufrieden sind mit dem Dargebotenen und das „Gesagte“ nicht vermisst wird.
Vor dem Einschlafen an diesem Abend kommt mir noch der Gedanke, dass es vielleicht immer so ist ….. und die Kräfte und Energien der in den Tänzen heraufbeschworenen Geister, die Worte der „Weisen“ im Hinblick auf die tatsächlichen Inhalte des Gesagten, im senegambischen Nirvana ungehört verhallen lassen.
Das KANKURANG Festival wurde 2005 als immaterielles Kulturerbe der Menschheit von der UNESCO anerkannt.
Ist doch genial ;-)

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